prof. Pylothagoras'

Aktualisiert: 10. Apr.

| Lesezirkel |


> Rainer Mausfeld : Warum schweigen die Lämmer. Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlage zerstören :

"Emanzipatorische Bewegungen stehen daher vor der Aufgabe, eine besonders grosse Anpassungs- und Lernfähigkeit in der Entwicklung geeigneter Strategien zu zeigen. Angesichts der Totalität von Macht- und Gewaltverhältnissen und der mit ihr einhergehenden gigantischen Asymmetrie des Verhältnisses zwischen den Machtausübenden und den Machtunterworfenen sind wir als Einzelne im Wortsinne machtlos und können nur in solidarischen Aktionen diese Asymmetrien abmildern oder gelegentlich aufbrechen. Diese gemeinschaftlichen Aktionen müssen jedoch in ein Sinnganzes integriert sein, sie müssen geleitet sein durch etwas, welches ihnen Kohärenz und Beständigkeit verleitet. Sonst bleiben sie flüchtig und damit angesichts der vergleichsweisen Stabilität und Verfestigung von Machtverhältnissen politisch wirkungslos. Ein notwendiger erster Schritt in der Entwicklung emanzipatorischer Strategien besteht darin, die systematisch erzeugte Entpolitisierung der Bevölkerung zu überwinden. Dazu müssen wir zunächst unser gezielt fragmentiertes kollektives Gedächtnis zurückgewinnen. Denn wir verfügen über einen geradezu unermesslich grossen kollektiv gewonnenen Schatz an theoretischen Ideen, auf deren Basis sich politische Erfahrungen ordnen und politische Ziele, im Kleinen wie im Grossen, formulieren lassen. Wir verfügen über einen grossen und historisch vielfach erprobten Werkzeugkasten ideologiekritischer Denkmethodologie und über einen ebenso grossen Werkzeugkasten politisch wirkungsvoller Handlungsstrategien, die es zu nutzen und für gegenwärtige Organisationsweisen der Macht anzupassen und zu erweitern gilt. Solange wir jedoch von der grossen Tradition emanzipatorischer Bewegungen isoliert sind, haben wir kaum eine Chance, unsere alltäglichen politischen Erfahrungen in ein Sinnganzes einzuordnen, eine Logik der Wirkmechanismen hinter der verwirrenden Vielheit täglicher Einzelvorkommnisse zu erkennen und angemessenen Handlungskonsequenzen aus unseren Erfahrungen zu ziehen. Hierfür kann es weder Handlungsanweisungen noch Autorität geben [...] keine konkreten Handlungsanweisungen oder Strategien [...] wie man vom gegenwärtigen Zustand zu einer menschenwürdigeren Gesellschaft gelangen könnte. Lösungsoptionen für ein politisches Handeln können nur von >>unten<< in gemeinsamer Arbeit entwickelt werden und müssen an situative Gegebenheiten angepasst sein. Spielraum für politisches Handeln gibt es genug. Die Geschichte ist offen und hängt vom menschlichen Handeln ab. Menschliches Handeln wiederum hängt davon ab, was man will. Geschichte ist also letztlich das, was wir alle aus ihr machen - sei es durch Veränderungswillen, sei es durch Duldung oder durch stillschweigende Zustimmung, sei es durch Desinteresse oder durch politische Apathie. Es hängt wesentlich von unseren Zielen, von unserem gesellschaftlichen Gestaltungswillen und von unserer Entschlossenheit ab, wie unsere Zukunft aussehen wird." (Mausfeld 2018:20-21)